Etliche Meter unter den Gleisen des Hauptbahnhofs in einer Zwischenstufe zur U-Bahn fiel mir dieser Blumenkübel ins Auge.
Im ersten Moment war ich nur überrascht, dann erst kam mir der Gedanken, es könnte eine künstliche Pflanze sein. Ich ging also näher heran um es herauszufinden, und natürlich war sie aus Kunststoff. Für einen Moment kam es mir sehr dumm vor, dass ich es für möglich gehalten hatte, eine Pflanze könnte in dieser Umgebung überleben. Dann viel mein Blick zufällig auf eine Person, die etwa 5 Meter von mir entfernt auf dem Boden saß. Sie saß etwas verborgen durch Säulen da und hatte alles mögliche vor sich ausgebreitet. Ich dachte zunächst an einen Reisenden, der sein Gepäck durchwühlt um seinen Geldbeutel zu finden oder ähnliches. Erneut wurde ich mit meiner Naivität konfrontiert, als mir klar wurde, dass sich dieser Mensch gerade eine Spritze vorbereitete um irgendeine Droge zu konsumieren. Und trotz alledem war mein erstes, naives, impulsives Gefühl helfen zu wollen. Natürlich wurde mir gleich bewusst, dass ich hier nicht helfen konnte, dennoch viel es mir schwer einfach weiter zu gehen. Ich hatte nun einmal gerade erst dieses leblose Pfanzenimitat untersucht und konnte mir gut vorstellen, dass auch der ein oder andere Mensch seine Schwierigkeiten haben könnte in einer solchen Umgebung zu leben und zu gedeihen. Was ist schon noch echt in unserer Welt? Facebook, Twitter und Co geben sich ja große Mühe uns so weit es geht voneinander fern zu halten. Schon in der Schule reichte die Aufmerksamkeitsspanne meiner Mitschüler nur bis zur Hälfte meiner Sätze. Reden wir wirklich noch miteinander, oder tauschen wir Phrasen aus? Fragen wir wirklich nach, wie es dem anderen geht, oder sind wir nur höflich (vielleicht weil die Menge an sozialen Kontakten unsere empathischen Fähigkeiten übersteigt) ?
Vor etwa 100 Jahren hat es angefangen und natürlich haben sich damals die Künstler mit dem Phänomen Stadt beschäftigt. Ich will wirklich nicht sagen, dass die Stadt der Ursprung allen Bösen ist! Trotzdem bezweifel ich, dass jeder der in der Stadt lebt, auch gut mit diesem Lebensstil zurecht kommt. Und auch ich kann ein gewisses Gefühl der Einsamkeit nicht leugnen.
Alfred Wolfenstein: Städter (1914)
Dicht wie die Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.
Ineinander dicht hineingehakt
Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, ihre nahen Blicke baden
Ineinander, ohne Scheu befragt.
Unsre Wände sind so dünn wie Haut,
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.
Unser Flüstern, Denken ... wird Gegröle ...
- Und wie still in dick verschlossner Höhle
Ganz unangerührt und ungeschaut
Steht ein jeder fern und fühlt: alleine
ronja87 am 08. November 16
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